Berufliche Neuorientierung erfolgreich gestalten. Interview mit Karrierecoach Antje Reich

Allgemein, Beruf, Bewerbung, Neuorientierung

Berufliche Neuorientierung. Sie sind in Ihrem Job unzufrieden, aber wissen Sie nicht wie Sie weiter vorgehen sollen? Unser Experteninterview antwortet auf die wichtigsten Fragen!

Bestcruiter: Hallo Antje. Danke, dass du einige Fragen zum Thema Berufliche Neuorientierung antworten wirst. Stell dich bitte unseren Lesern zuerst vor.

Antje Reich: Mein Name ist Antje Reich, ich bin seit seit 2015 als BusinessCoach tätig, wobei ich meinen Schwerpunkt auf die Karriereberatung lege. Zuvor war ich 16 Jahre bei ImmobilienScout24 zuletzt als Vice President Sales tätig. Ich hatte die Chance meine Karriere sukzessive aufzubauen. Meine Führungsrolle hat sich permanent erweitert – von der Teamleiterin zur Geschäftsleitung war es ein spannender Weg. Diese Berufs- und Lebenserfahrung gebe ich heute gern weiter. Neben der Erfahrung sind eine fundierte Coachingausbildung sowie ständige Weiterbildung die Grundlagen meiner Arbeit.

BC: Viele Arbeitnehmer in Deutschland haben das Gefühl, dass sie mit ihrer beruflichen Situation nicht zufrieden sind, aber wissen nicht wo sie bei der beruflichen Neuorientierung anfangen sollen. Was könntest du solchen Leuten vorschlagen.

AR: Nach einer Gallup-Studie (2014) engagieren sich 15 Prozent der deutschen Beschäftigten im Job, 70 Prozent machen Dienst nach Vorschrift und weitere 15 Prozent der Mitarbeiter haben bereits innerlich gekündigt. Diese Situation ist sowohl für den Beschäftigten, als auch für den Arbeitgeber schwierig. Geht man nicht mit Lust und Freude an die Arbeit bedeutet das Stress und der macht krank, die Leistungsfähigkeit nimmt ab. Eine Spirale die sich abwärts dreht und im schlimmsten Fall zum Burnout führen kann.

Leider höre ich häufig, dass sie Situation als gegeben hingenommen wird. Veränderung löst oft ein ungutes Gefühl aus und bedeutet Verantwortung für sich zu übernehmen.

Ich empfehle, sich auf jeden Fall Rat zu holen. In Unternehmen mit gut strukturierten HR-Abteilungen und einem Betriebsrat kann man häufig das Gespräch suchen, mitunter wird auch Coaching angeboten. In Gesprächen kann herausgefunden werden, ob es noch eine gemeinsame Zukunft zwischen Beschäftigtem und Unternehmen gibt und was dafür getan werden muss.

Berufliche NeuorientierungHerausforderung: berufliche Neuorientierung (Quelle: Pexel)

BC: Welche Tipps hättest du an Berufseinsteiger. Wie sollen sie Ihren beruflichen Werdegang bestimmen 

AR: Berufseinsteiger sind oft von der Fülle der Möglichkeiten schlicht überfordert. Es gibt klassische Berufe aber auch viele neue Ausrichtungen – Eltern oder Großeltern können leider nur noch selten Ratgeber sein.

Deshalb sollte man sich mit 2 Fragen beschäftigen: 1. Was will (kann) ich? und 2. Was braucht der Markt?

Die erste Frage beinhaltet die Stärken und Kompetenzen, die Hobbys und einfach alles Dinge die man gerne tut! Kommuniziere ich gern mit anderen? Bin ich eher ein Bastler und Erfinder? Wie kann ich meine Kreativität leben? Was ist mir wichtig im Leben? (Wohlstand, Sicherheit, Familie, Freiheit…)

Bei der zweiten Frage sollte man realistisch den Markt checken. Welche Berufe sind gerade gefragt? Wo ist die Nachfrage eher gering?

Trotz aller guter Vorbereitung kann es vorkommen, das man den vermeintlich falschen Beruf ergriffen hat. Was nun? Grundsätzlich ist das kein Manko! Überall sammelt man Erfahrungen, die späteren Berufsleben nützlich sind.  Man weiß jetzt noch klarer was man will und was nicht. Und last but not least braucht Karriere Zeit!

BC: Gehen wir noch mal zurück auf die 70% die Dienst nach Vorschrift machen. Sicher steckt hier auch die Angst vor einer Veränderung durch Neuorientierung im Berufsleben, gerade wenn man 10 oder mehr Jahre in einem Betrieb gearbeitet hat bzw. auch eine Familie hat. Wie kann man hier den Absprung schaffen bzw. was rätst du deinen Kunden? 

AR: Egal ob man noch in einem vermeintlich sicheren Arbeitsverhältnis ist oder bereits direkt vor der Veränderung steht, sollte man diese als Chance für sich selbst nutzen und sich nicht überstürzt ins nächste Job-Abenteuer stürzen. Es lohnt sich noch einmal für sich zu definieren – Was mache ich wirklich gern? Was kann ich gut? Was hat dazu geführt, dass ich mit meinem Job nicht mehr zufrieden war?

Es ist erwiesen, dass man nur dann zufrieden und erfolgreich ist, wenn man in seinen Stärken spielt bzw. arbeitet. So bin ich zum Beispiel als eher gewissenhafter Mensch wahrscheinlich im Controlling besser aufgehoben als im Marketing.

Wie findet man das nun heraus? Zunächst kann man sich natürlich selbst hinterfragen. Auch Freunde und Familienmitglieder können Ratgeber sein. Die Frage ist, wie objektiv die Ergebnisse sind. Ein professioneller Karriereberater verfügt dagegen über effiziente, zielgerichtete Methoden und den neutralen Blick von außen um in relativ kurzer Zeit ein persönliches IST-Profil zu erstellen. Ich persönlich setze verstärkt ein hochprofessionelles Personaldiagnostikverfahren (MPPI18) ein, was wissenschaftlich begründet ein klares Persönlichkeitsprofil liefert. Für dieses Verfahren habe ich eine Zertifizierung erlangt.

Neben dem IST-Profil ist für mich auch die Erarbeitung der persönlichen Werte wichtig.

Mit diesem Profil ist es einfacher, sich am Arbeitsmarkt neu zu orientieren. Bewerbungen, die nicht zu den persönlichen Stärken und Qualifizierungen passen, kosten Zeit und Geld und sind nicht zielführend. Gemeinsam mit meinen Klienten schauen wir uns Stellenausschreibungen an und entscheiden, ob sie passen oder auch nicht.

BC: Nach vielen Berufsjahren beim gleichen Arbeitgeber stellen sich viele Arbeitnehmer die Frage, wie bewirbt man sich heute und bin ich noch interessant für den Arbeitsmarkt?

AR: Da kann ich direkt zu meiner vorherigen Aussage anknüpfen. Zunächst ist es wichtig, sich auf passende Stellen zu bewerben! Wenn ich höre, dass jemand in kurzer Zeit mehr als 100 Bewerbungen geschrieben hat und es kein Feedback gibt, dann denke ich, dass hier etwas nicht optimal läuft. „Copy and paste“ sind bei Bewerbungen sicher eine schlechte Methode. Eine Bewerbung ist immer individuell und angepasst auf die jeweilige Stellenausschreibung.

Bei den Bewerbungsunterlagen ist es nach wie vor wichtig, dass diese vollständig sind. Anschreiben, Lebenslauf und Zeugnisse gehören einfach dazu. Für die Form gibt es unterdessen sehr gute Vorlagen im Netz. Ob eine Bewerbung klassisch per Post oder online erfolgen soll, steht in der Regel in der Stellenbeschreibung. Daran sollte man sich halten. Ein Karriereberater hilft auch bei der Erstellung der Unterlagen, prüft diese und gibt wertvolle Hinweise.

Ich denke grundsätzlich ist jeder interessant für den Arbeitsmarkt, wenn er weiß was er kann und sich zielgerichtet und gut aussagekräftig präsentieren kann. Der Arbeitsmarkt ist vielseitig und spannend und bietet großartige Möglichkeiten und Chancen.

BC: Antje, wie funktioniert heute eine gängiger Bewerbungsprozess bzw. haben Arbeitnehmer eine Chance am Markt, die lange in ein und derselben Firma gearbeitet haben?

AR: Das ist abhängig vom Unternehmen und auch von der, zu besetzenden Stelle. Bewirbt man sich im Management muss man sicher auf einen mehrstufiges Auswahlverfahren einstellen. Hier kann es auch zum Einsatz von Testverfahren kommen. Bei anderen Positionen steht das persönliche Gespräch noch immer an erster Stelle, es gibt aber auch Telefoninterviews und Accessmentcenter bei dem gleich mehrere Kandidaten Aufgaben lösen müssen.

Aktuell wird bei großen Konzernen auch der Einsatz von elektronischen Auswahlverfahren diskutiert. Man kann nur hoffen, dass die Persönlichkeit nicht zu kurz kommt. Geht es doch, neben der Qualifizierung, auch immer um die Chemie die stimmen muss.

Auch hier kann der Karriereberater unterstützen, indem eine Bewerbungssituation im Vorfeld simuliert wird.

Ein Personalchef hat einmal zu mir gesagt, dass man nicht länger als 2-3 Jahre in einem Unternehmen sein sollte. Ich persönlich halte die Aussage so pauschal für nicht richtig. Aus meiner Sicht ist es durchaus gut,  zu Beginn der Berufskarriere das Unternehmen mehrfach zu wechseln, gern auch in dem genannten Rhythmus. Das zeigt Flexibilität und die Bereitschaft viel Neues zu lernen. Jedes Unternehmen hat spezielle Prozesse und eine eigene Kultur.

Die meisten Menschen haben allerdings in der Mitte ihres Berufslebens das Bedürfnis nach „ankommen“ und mehr Stabilität.

Längere Zeit in einem Unternehmen zu sein, zeigt in der Regel eine hohe Loyalität und auch ein tiefes Fachwissen. Wenn dann noch die Möglichkeiten der internen Weiterentwicklung genutzt werden, weist das durchaus auch auf Interesse an neuen Dingen hin. Dies muss man dem potenziellen, neuen Arbeitgeber plausibel darstellen.

Ich persönlich war 16 Jahre in einem Unternehmen und ein Wechsel in dieser Zeit hätte mir nicht mehr Veränderungen und Entwicklungsmöglichkeiten bieten können.

BC: Vielen Dank für das Interview und deine Zeit. Wir sind uns sicher, dass du unseren Lesern helfen konntest.

Antje Reich - Karrierecoach
Antje Reich – Karrierecoach

Antje Reich ist ein BusinessCoach mit Schwerpunkt Karriereberatung. Zuvor war Sie 16 Jahre bei ImmobilienScout24 zuletzt als Vice President Sales tätig.

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